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Warum „Gold ohne Zinsen“ ein Irrtum ist

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Helge Ippensen
23. Februar 2026
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Warum „Gold ohne Zinsen“ ein Irrtum ist

5.106,68 USD je Unze – und die ungewöhnliche Gold-Geschichte hinter „15,5-fach“

Stand 21.02.2026 notiert Gold bei 5.106,68 US-Dollar je Feinunze beziehungsweise 4.335,30 Euro.
Solche Marken erzeugen zuverlässig zwei Reflexe: Die einen suchen nach dem nächsten Kursziel, die anderen nach dem „perfekten Ausstieg“. Und fast alle stoßen dabei auf denselben Irrtum: Gold sei „ertragslos“ und damit nur eine Wette auf den Preis.

Heute erzähle ich eine Geschichte, die genau an dieser Stelle ansetzt. Nicht als Handlungsanweisung, sondern als Einblick in ein Denkmodell, das in Deutschland kaum jemand aus eigener Anschauung kennt: Gold nicht nur als Preisposition, sondern als Bestand, aus dem sich über Marktmechanik zusätzliche Erträge ergeben können.

Damals: Als Gold noch keinen echten Markt hatte

1972 war die Welt eine andere. Die Idee eines freien Goldpreises war noch jung, der Handel war zäh, vieles lief über Bankschalter, Beziehungen und feste Verfahren. Der Londoner Fixing-Mechanismus prägte die Preisfindung, der Markt war nicht so offen, tief und global zugänglich wie heute.

In dieser Zeit saß ich in New York in einer Runde, in der eine Frage ernsthaft diskutiert wurde: Was passiert, wenn die Bindung gelockert wird und Gold wirklich frei handelt? Die Erwartungen waren verschieden. Was mich traf, war nicht die Prognose, sondern die Konsequenz: Wenn ein Markt vom „verwalteten Preis“ in einen „freien Preis“ übergeht, verändert sich nicht nur das Niveau, sondern die gesamte Dynamik.

Ich fuhr nach Hause und kaufte Gold.

1980: 800 Dollar – und der Moment, der alles geprägt hat

Am 14. Januar 1980 erreichte Gold rund 800 US-Dollar je Unze. Dieser historische Extrempunkt ist bis heute ein Lehrstück: Märkte übertreiben, Normalisierung folgt, und Gold ist in seiner Psychologie anders als Aktien, Anleihen oder Krypto.

Ich schrieb damals „Verkauf“. Verkauft habe ich selbst nicht. Das war nicht Tugend, sondern Erfahrung: Gold ist kein Instrument, das man nur über „recht haben“ spielt. Es ist ein Instrument, das man über Disziplin spielt.

Die zweite Ebene: „Stillhalterprämie“ statt hektischem Trading

Nach dem Rückgang von den Hochs war eines klar: Gold würde lange Phasen haben, die sich „langweilig“ anfühlen. Genau dort entsteht der Kern dieser Geschichte.

Wer Gold besitzt, kann – je nach Struktur und Zugang – als Stillhalter auftreten, also Optionen so einsetzen, dass Prämien vereinnahmt werden. Vereinfacht gesprochen: Man verkauft das Recht, zu einem bestimmten Preis geliefert zu bekommen, und erhält dafür eine Prämie. Das ist kein risikofreier Zinsersatz, sondern eine Strategie mit klaren Risiken: Begrenzung der Upside bei starken Rallys, Zuteilungsrisiko, Rollkosten, Steuer- und Strukturfragen, und vor allem die Notwendigkeit, Mechanik und Liquidität zu verstehen.

Aber sie zeigt etwas, das viele übersehen: Gold kann, richtig strukturiert, über den Markt selbst „laufende Erträge“ generieren – nicht weil Gold Zinsen zahlt, sondern weil Volatilität und Optionsnachfrage bepreist werden. Dass solche Covered-Call-Ansätze derzeit wieder stark diskutiert werden, sieht man auch in aktuellen Marktbeiträgen zu „Zinsen auf Gold“ über Covered Calls.

Warum das heute wieder brisant ist: 5.000 Dollar sind kein normales Umfeld

Wir leben aktuell in einer Phase, in der Gold nicht nur von Inflationserzählungen bewegt wird, sondern von Unsicherheit in der Geopolitik und von widersprüchlichen Zinssignalen. Reuters berichtete diese Woche über einen Sprung von Gold um über 2% in Richtung 5.000 US-Dollar im Umfeld geopolitischer Spannungen und gemischter Signale aus den Fed-Protokollen.
Wenn Gold sich so bewegt, steigt nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern häufig auch die Optionsprämie. Genau dann wirkt die Strategie, die auf Prämieneinnahmen setzt, besonders plausibel – und genau dann wird sie am häufigsten falsch verstanden.

Denn in der Praxis ist das kein „Gratisgeld“. Es ist das Verkaufen von Unsicherheit gegen Geld, und Unsicherheit kann teuer werden, wenn man sie unterschätzt.

Wie groß ist Gold eigentlich – und warum Angebotsknappheit nicht nur ein Schlagwort ist

Gold ist global betrachtet ein großer, aber begrenzter Markt. Der World Gold Council beziffert den oberirdischen Goldbestand Ende 2025 auf 219.891 Tonnen.
Auf der Angebotsseite ist das Bild zäh: Laut World Gold Council stieg die gesamte Goldversorgung 2025 um 1% auf 5.002 Tonnen.
Diese Zahlen sind nicht „Storytelling“, sondern Rahmenbedingungen. Wenn Nachfrageimpulse auf ein Angebot treffen, das nur langsam wächst, erklären sich die langen Trends besser – ohne dass man jeden Tag ein neues Kursziel braucht.

Zwei Tabellen, die die Geschichte greifbar machen

Aktueller Kontext (Stand 21.02.2026)

Kennzahl Wert Quelle
Goldpreis (USD/oz) 5.106,68 gold.de / goldpreis.de
Goldpreis (EUR/oz) 4.335,30 gold.de / goldpreis.de
Gold nahe 5.000 USD (Intraday-Bewegung) ~4.992 Reuters
Oberirdischer Goldbestand (Ende 2025) 219.891 t World Gold Council
Gesamt-Goldangebot 2025 5.002 t (+1% ggü. Vj.) World Gold Council

Illustration des „15,5-fach“-Gedankens (reines Rechenbeispiel, keine Prognose)
Wenn ein Vermögen über sehr lange Zeit 15,5-fach wächst, entspricht das je nach Zeitraum ungefähr folgenden Durchschnittsrenditen pro Jahr:

Zeitraum Faktor Entspricht ca. Rendite p.a.
20 Jahre 15,5x 14,7%
25 Jahre 15,5x 11,6%
30 Jahre 15,5x 9,6%
35 Jahre 15,5x 8,1%

Der Punkt dieser Rechnung ist nicht, dass irgendjemand „9,6% sicher“ bekommt. Der Punkt ist: Eine Kombination aus langfristigem Goldtrend plus wiederkehrenden Prämien, die konsequent reinvestiert werden, kann über Dekaden einen massiven Zinseszinseffekt erzeugen – und genau das ist die Facette, die in der öffentlichen Debatte fast immer fehlt.

Der moderne Irrtum: „Gold ist nur Preis – also nur Timing“

Der häufigste Denkfehler ist, Gold ausschließlich als Wette auf den nächsten Kurs zu behandeln. Das führt zwangsläufig zu dem emotionalen Kreislauf aus Euphorie am Hoch und Reue in der Korrektur.

Die Realität ist: Gold ist in vielen Portfolios kein „Trade“, sondern eine Versicherungskomponente. Und wer darüber hinaus zusätzliche Mechaniken nutzt, handelt nicht „mehr Gold“, sondern nutzt die Marktstruktur rund um Gold.

Das ist anspruchsvoll, nicht für jede Größe sinnvoll, und es erfordert saubere Prozesse, Risiko- und Liquiditätsmanagement sowie eine Struktur, die zu den eigenen Möglichkeiten passt. Aber als Prinzip ist es ein Gegenentwurf zum hektischen Kursziel-Journalismus.

Was man aus der Geschichte mitnehmen kann

Wenn Gold auf Rekordniveaus steht, ist die wichtigste Frage nicht „Wie weit noch?“, sondern „Welche Rolle soll Gold in meinem Vermögensbild spielen?“
Wer Gold nur als Preis sieht, diskutiert Hochs und Tiefs. Wer Gold als Bestand versteht, diskutiert Disziplin, Zeithorizont und Mechanik.

Und genau deshalb ist diese ungewöhnliche Geschichte mehr als Nostalgie: Sie zeigt, dass „ertragslos“ manchmal nur bedeutet, dass man die zweite Ebene nicht kennt.

Bleiben Sie weitsichtig

Ihr Helge Peter Ippensen

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